Das Merseburger Kapitelhaus

Das östlich der Klausur gelegene Merseburger Kapitelhaus geht in seiner baulichen Substanz bis in das 12. Jahrhundert zurück. Die im Süden anschließende Marienkapelle wird im 13. Jahrhundert erstmals schriftlich erwähnt. Das Kapitelhaus selbst wird erstmals Ende des 14. Jahrhunderts genannt, als der neu gewählte Bischof Heinrich dort gegenüber dem Domkapitel seinen Eid ablegte. Das Haus bildete mit Archiv, Bibliothek und Verwaltungsräumen das Herz der Verwaltung des Domkapitels und war gleichsam ein Pendant zum bischöflichen Schloss bzw. der Verwaltung der Administratoren. 

Einen großen Umbau erfuhr das Kapitelhaus zu Beginn des 16. Jahrhunderts, während der Regierungszeit Bischof Thilos von Trotha. Die Räumlichkeiten wurden mit Wandmalereien prachtvoll ausgestaltet. Mit den farbigen Wappen der Domherren und des Stiftsadels war nunmehr das Merseburger Hochstift im Kapitelhaus präsent. 

Wappenssal neu rekonstruiert 

Während des Zweiten Weltkriegs mussten die dort verwahrten Bestände des Domstiftsarchivs und der -bibliothek ausgelagert werden. Seit den 50er Jahren verfiel das Kapitelhaus zusehends. Erste Sicherungsmaßnahmen fanden zu Beginn der 90er Jahre statt, in den Jahren 2003 bis 2006 konnte das Haus umfassend restauriert und neu gestaltet werden. Der Wappensaal wurde nach historischen Vorlagen vollständig rekonstruiert und gehört heute zu den beeindruckendsten spätgotischen Räumen Deutschlands.

Eine Umgestaltung erfuhr das Haus nochmals im 17. Jahrhundert, als zur Unterbringung der großen Bibliothek des Kapitelssyndikus’ (Anwalt) Johannes Schütze der Versammlungsraum des Domkapitels verlegt werden musste. Bis in das 20. Jahrhundert war das Kapitelhaus Verwaltungs- und Repräsentationsgebäude des Merseburger Domkapitels. Aufgrund der unter Thilo von Trotha repräsentativ ausgestalteten und mit Wandmalereien versehenen Räumlichkeiten zählte das Kapitelhaus zu den schönsten spätgotischen Gebäuden in Deutschland. 

Schätze an historischem Ort

Im Kapitelhaus können Sie die Marienkapelle, den Wappensaal und die Kapitelstube besichtigen, welche heute als Ausstellungsräume fungieren. Neben wertvollen Archivalien aus dem Merseburger Domstiftsarchiv wie z.B. Chorbuchgrafmenten finden Sie Beispiele für Aufschwörtafeln, Textilien, Siegel des Domstifts Merseburg und weitere wertvolle Ausstattungsstücke.

Ein besonderes Kleinod, das im Kapitelhaus bewundert werden kann, ist die Figur der Goldenen Madonna. Wo sie sich im Dom einst befand, ist nicht bekannt. Die im Merseburger Dom praktizierte Marienverehrung wird durch die erhaltenen, kostbaren Altarretabel sowie durch die ungewöhnliche Goldfassung dieser Skulptur belegt.

Aus der Amtszeit des Bischofs Thilo von Trotha stammt ein prächtiges Messgewand aus rotem Brokatsamt mit einer beeindruckenden Reliefstickerei. Die Rückseite der Kasel wird durch ein Kaselkreuz mit plastisch hervortretenden Figuren auf dem üppigen Granatapfelmuster bestimmt. Weitere Bilder zeigen den Gottvater mit der Weltkugel, Petrus mit dem Schlüssel,Paulus mit dem Schwert, Maria und Johannes sowie den Heiligen Livinus.